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Zum zweiten Mal zu früh

Warum Aushalten der unterschätzte Kern von Unternehmertum ist

Christina Kehl auf dem Podium des Wirtschaftsgipfels der Süddeutschen Zeitung in Berlin
Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung, Berlin

"Warum tut ihr euch ausgerechnet dieses merkwürdige Thema an?"

Diese Frage hat man mir inzwischen zweimal gestellt, zu zwei völlig verschiedenen Themen, Jahre auseinander. Beim ersten Mal ging es um Fintech.

Das Foto oben zeigt mich auf einer Bühne in Berlin, beim Wirtschaftsgipfel der Süddeutschen Zeitung, mitten in der Debatte über die Digitalisierung der Finanzwelt. Auch damals hielten viele Fintech für ein Schlagwort, das bald wieder verschwindet. Es ist nicht verschwunden.

Beim zweiten Mal, vor gut drei Jahren, ging es um Arbeitsmarkt, Upskilling, Applied Technology und KI. Wir sind mit mehreren Ventures eingestiegen und haben den Innovationsverband Schweizer Arbeitsmarkt aufgebaut, als kaum jemand die Notwendigkeit sah. Die Reaktion war fast wortgleich wie damals. Man belächelte uns. Man fragte, warum wir uns ausgerechnet das aussuchen.

Beim zweiten Mal habe ich verstanden, was diese Frage eigentlich ist. Kein Warnsignal, sondern ein Frühindikator. Wenn niemand mehr fragt, warum du dir das antust, bist du in der Regel schon zu spät.

Über Visionär:innen wird gern so geredet, als sei das Sehen die eigentliche Kunst. Ich glaube, das stimmt nicht. Die Richtung halbwegs richtig zu erahnen, schaffen erstaunlich viele. Selten ist etwas anderes: die Lücke auszuhalten zwischen dem Moment, in dem man etwas sieht, und dem Moment, in dem es alle sehen. Diese Lücke kann Jahre dauern. In ihr bleibt der Applaus aus. Die Bühne ist leer, das Publikum noch nicht da.

Von aussen sieht diese Phase unspektakulär aus. Weitermachen, ohne Resonanz zu bekommen. Ohne Schulterklopfen, ohne Rückenwind, oft ohne dass irgendjemand versteht, worauf man hinauswill. Als wir anfingen (egal ob Fintech oder jetzt im Kontext von Arbeitsmarkt & Employability), fehlten Kontakte und Netzwerke, und die Strukturen, in denen wir uns bewegten, waren alles andere als startup-ready. Wir waren die jungen Wilden und die bunten Vögel. Und wir sind wir bis heute.

Genau hier trennt sich Visionskraft vom blossen Dabeisein. Auf einen Zug aufzuspringen, der ohnehin schon rauscht, kostet wenig und beweist nichts. Schwieriger ist es, auf dem Bahnsteig zu warten, wenn noch kein Zug in Sicht ist, und trotzdem ein Ticket zu lösen.

Und doch, das unterschlägt die ganze Rhetorik vom Durchhalten gern, macht es Freude. Mich reizen Spielfelder, die gerade erst entstehen, für die es noch keine festen Regeln gibt und keine etablierten Platzhirsche. Genau dort kann man etwas mitgestalten, statt es nur zu verwalten. Dafür trete ich an. Gerade auch im Kontext von gesellschaftlicher Verantwortung die Arbeitswelt von morgen und übermorgen positiv mitzugestalten.

Für alle, die heute überlegen, in ein junges, unfertiges Feld zu gehen: Die Werkzeuge waren nie zugänglicher als jetzt. Es war nie einfacher ein Startup oder Micro-Business zu gründen. Und Entrepreneurship wird dank KI einen Boom erleben, gewollt und ungewollt. Worüber am Ende Erfolg entscheidet, ist seltener die Idee und öfter die Frage, wie lange man weiterbaut, bevor es einen Beweis gibt, dass es trägt. Diese Ausdauer ist nichts Angeborenes. Sie wächst mit jeder Woche, in der man bleibt, obwohl es bequemer wäre zu gehen.

Und wenn dich dann jemand fragt, warum du dir ausgerechnet dieses merkwürdige Thema aussuchst, lächle ruhig zurück. Wahrscheinlich bist du gerade früh genug.

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