Drei Szenarien und eine Leerstelle
Anthropic hat einen ungewöhnlich ehrlichen Notfallplan für den AI-Arbeitsmarkt vorgelegt. Eine entscheidende Frage aber lassen sie offen.
Das ehrlichste Dokument, das ich seit Langem aus der Tech-Branche gelesen habe, ist ein Notfallplan. Er stammt von Anthropic, einem der führenden AI-Labore, und er tut etwas, das Unternehmen selten tun. Er hält in nüchterner Sprache fest, dass das eigene Produkt einen grossen Teil menschlicher Arbeit ersetzen könnte, und dass niemand seriös sagen kann, wie viel.
Damit verschiebt sich die zentrale wirtschaftliche Frage: weg vom Erzeugen des Wachstums, hin zur Verteilung jenes Wohlstands, den eine sehr produktive AI schaffen könnte.
Bemerkenswert ist, wie Anthropic mit der Unsicherheit umgeht. Statt auf eine Zukunft zu wetten, plant das Papier für drei. Vorab nennt es Massnahmen, die in jedem Fall nützen. Die staatlichen Statistikämter, heute mit Instrumenten aus einer langsameren Zeit ausgestattet, sollen verstehen lernen, was am Arbeitsmarkt wirklich geschieht. Regierungen brauchen eigene Kapazität, um diese Signale zu deuten. Und Systeme wie die Arbeitslosenversicherung müssen so umgebaut werden, dass sie im Ernstfall schnell hochfahren. Denn nicht nur Entlassungen sind Warnzeichen, auch sinkende Löhne und unsicherere Arbeit sind es.
Dann wird das Papier konkret, abgestuft nach der Wucht des Impacts.
Im ersten Szenario, bei einer Arbeitslosigkeit um fünf Prozent, setzt Anthropic auf Teilhabe. Sogenannte vordistributive Kapitalkonten, die heute nur Indexfonds halten dürfen, sollen künftig auch Anteile an KI-Unternehmen aufnehmen können. Der Gedanke ist schlicht: Wenn KI die Wirtschaft reicher macht, sollen normale Haushalte einen Teil davon besitzen, statt das Wachstum nur in den Nachrichten zu verfolgen. Dazu kommen eine Lohnversicherung für alle, die in schlechter bezahlte Stellen wechseln, Weiterbildungsgutscheine, eine Reform der Berufszulassungen und Anreize für Firmen, ihre Leute zu halten und neu einzusetzen.
Im zweiten Szenario, bei rund zehn Prozent, rückt die Absicherung in den Vordergrund. Eine ausgebaute Arbeitslosenversicherung, ergänzt um branchenspezifische Übergangshilfen und Unterstützung für das Nötigste. Zugleich schlägt Anthropic vor, das Tempo der AI-Einführung zu bedenken und Firmen zu ermutigen, Verdrängung schrittweise zu steuern, statt sie auf einen Schlag über die Belegschaft hereinbrechen zu lassen.
Im dritten Szenario, einer Arbeitslosigkeit ohne historisches Vorbild, ändert sich die Aufgabe grundlegend. Es geht dann nicht mehr um vorübergehende Überbrückung, sondern um dauerhaften Einkommensersatz für einen grossen Teil der Erwerbsbevölkerung. Das verlangt neue Steuerquellen und neue Verteilwege, von einem Grundeinkommen über Staatsfonds bis zu Modellen, die breite Bevölkerungsschichten am Eigentum beteiligen. Hier räumt Anthropic offen ein, die richtigen Antworten selbst noch nicht zu kennen.
Man kann dem Papier vieles vorhalten, Naivität nicht. Anthropic betont, man wolle Verdrängung verhindern oder klein halten, nicht herbeiführen, und stellt sich erklärtermassen auf die Seite der Menschen. Es flankiert die Vorschläge mit 350 Millionen Dollar für Forschung und ein Nachwuchsprogramm. Und es macht klar, dass diese Fragen global sind, auch wenn das Dokument auf die USA zielt. Auf die Agenda gehören sie unter anderem beim kommenden AI Summit in Genf.
Und doch, bei aller Sorgfalt, fehlt das Entscheidende.
Liest man das Rahmenwerk zu Ende, beantwortet es vor allem eine Frage: Wie sichert man Menschen finanziell ab, wenn sich der Arbeitsmarkt verschiebt? Das ist wichtig. Aber es ist nicht alles. Anthropic weiss das selbst und schreibt es sogar: Geld sei notwendig, aber nicht genug, Arbeit habe eine Würde, der Mensch sei mehr als sein Job. Genau dort endet das Papier fast. Die grössere Frage bleibt offen: Wie hilft man einer ganzen Bevölkerung, in einer sich wandelnden Arbeitswelt ihren Platz und einen neuen Sinn zu finden?
Denn AI ist weit mehr als ein technisches Thema. Sie verschiebt, wie wir lernen, arbeiten und zusammenleben. Wer Menschen nur vor dieser Veränderung schützt, behandelt sie als Betroffene. Befähigt man sie, werden sie zu Gestaltenden. Dazwischen liegt die eigentliche Arbeit: Upskilling, das den Namen verdient, und genug Vertrauen in die eigene Wirksamkeit, dass aus Zukunftsangst wieder Zukunftslust wird.
Diese Aufgabe ist gesellschaftliche Verantwortung, und sie lässt sich nicht an Regierungen delegieren. Sie liegt ebenso bei den Unternehmen, in der Bildung und bei jeder und jedem von uns. Anthropic schreibt es selbst: Ihre Vorschläge würden besser, wenn jene mitreden, die täglich erleben, wie sich Arbeit verändert. Kein Datensatz weiss, was diese Menschen wissen.
Dafür treten wir beim Innovationsverband Schweizer Arbeitsmarkt ein. Nicht, um die Angst zu verwalten, sondern um Menschen handlungsfähig zu machen, solange noch Zeit ist. Die Fragen, die Anthropic für Washington stellt, entstehen längst auch bei uns. Beantworten müssen wir sie selbst.
Ein guter Notfallplan baut Sicherheitsnetze. Eine gute Gesellschaft sorgt zugleich dafür, dass möglichst wenige sie brauchen, weil ihre Menschen vorbereitet, beteiligt und zuversichtlich in den Wandel gehen. Anthropic hat den ersten Teil aufgeschrieben. Der zweite liegt bei uns.